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19.07.2013 – Markus Rehms Titeljagd

Markus Rehm, Weitspringer des TSV Bayer 04 Leverkusen, ist als Weltrekordhalter der große Favorit der an diesem Samstag beginnenden Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behinderten (IPC World Championships) in Lyon.

Leverkusen. Markus Rehm läuft an. Auf den ersten Metern sucht er mit seiner Unterschenkelprothese am rechten Bein die Balance, dann wird er mit jedem seiner kraftvollen Schritte schneller. Im Rhythmus seines Anlaufs saugt er Luft ein und stößt sie wieder aus, sodass es wirkt, als würde er mit jedem Schritt „Pam" sagen. Pam-Pam-Pam-Klack. Seine Prothese trifft den Absprungbalken perfekt.

Rehm fliegt, steht in der Luft, wirft seinen Körper nach vorne und landet technisch sauber im Sand. Er blickt zurück und lächelt: 7,54 Meter. Noch nie ist jemand mit amputiertem Unterschenkel so weit gesprungen. Rehm hat seinen eigenen Weltrekord verbessert – um 18 Zentimeter.

Das war vor einer Woche, beim Integrativen Sportfest in Manfort, der Generalprobe für den Saisonhöhepunkt: Die an diesem Samstag beginnenden Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behinderten (IPC World Championships) in Lyon. Nicht erst seit seinem Weltrekordsprung ist klar: Rehm (24), Welt- und Europameister sowie Paralympics-Sieger von London 2012, ist bei der WM Top-Favorit. Denn mit einer Bestleistung von 7,09 Metern ist der Niederländer Ronald Hertog der einzige Weitspringer in Rehms Klasse FT44, der nach dem Deutschen die Sieben-Meter-Marke geknackt hat. Rehm betont: „Es ist mein Ziel, den Titel erfolgreich zu verteidigen."

Rekorde brechen, Titel verteidigen – daran verschwendete der gebürtige Göppinger keinen Gedanken, als er vor fünf Jahren nach Leverkusen kam. Zwar hatte er bis zu seinem zwölften Lebensjahr Leichtathletik im Verein betrieben, wechselte dann jedoch zum Trendsport Wakeboard. Auch nach seinem Unfall, bei dem er als 14-Jähriger nach einem Wakeboard-Unfall auf dem Main von einem Boot überfahren und der Schiffsschraube erfasst worden war, worauf sein rechtes Bein amputiert werden musste, stand Rehm ein Jahr später wieder auf dem Board. Er war eingeladen, auf einer Messe in Düsseldorf Trampolin zu springen – so trainieren Wakeboarder an Land.

Der Sprinter Heinrich Popow, wohl Deutschlands bekanntester Behindertensportler, war ebenfalls auf dieser Messe, beobachtete den Teenager und sah in ihm einen talentierten Leichtathleten. „Heinrich hat mich angequatscht, ob ich nicht Lust hätte, in Leverkusen zum Training vorbeizuschauen. Ich sagte ja, und dann ging es eigentlich gleich los", erzählt Rehm. Also fuhr er zum TSV Bayer nach Leverkusen, motiviert, aber ahnungslos ob seines Leistungsstands. „5,30 Meter habe ich locker drauf", sagte Rehm damals zu Popow und Jörg Frischmann, Bayer Leverkusens Geschäftsführer für Behindertensport. Popow und Frischmann schmunzelten. „Ich dachte, das wäre keine so gute Weite." 5,32 Meter waren zu diesem Zeitpunkt deutscher Rekord.

Seine Karriere entwickelte sich rasant. 2010 wurde Rehm Deutscher Meister und Junioren-Weltmeister im Weitsprung und über 200 Meter. Ein Jahr später sprang er im australischen Christchurch zum ersten Mal Weltrekord, 7,09 Meter, und gewann die Weltmeisterschaften. 2012 folgte zunächst der Europameistertitel, vor dem bisherigen Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn, den Paralympics in London 2012. „Das war der Wahnsinn. 80 000 Leute jubeln dir zu, das kann man nicht beschreiben. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich an diese Momente denke", sagt Rehm. Mit der Weltrekordweite von 7,35 Metern gewann er Gold, zudem Bronze mit der 4x100 Meter-Staffel.

Was ist der Schlüssel zu seinem Erfolg? Talent? Ehrgeiz? Seine Prothese gar? „Ich werde oft gefragt, was an meiner Prothese so besonders ist, dass ich so weit springen kann", sagt Rehm, der halbtags als Orthopädiemechaniker arbeitet und seine Prothese selbst baut. Im vergangenen Jahr absolvierte er seine Meisterprüfung. „Gar nichts, sage ich dann. Ich trainiere einfach." Natürlich sei seine Prothese perfekt abgestimmt, doch habe er keine Prototypen verbaut, die niemand anderes hat. „Ich mache da kein Geheimnis draus. Wer sie nachbauen will, soll sie nachbauen."

Eher als die Vermutungen nach einer Wunderprothese liefern wohl die Worte von Jörg Frischmann eine Erklärung. „Markus ist ein Vorzeigesportler. Er weiß genau, was er will. Er ist der zielstrebigste Athlet, den ich kenne", betont Frischmann.

„Ich denke schon, dass man ein gewisses Vorbild ist. Allein um zu zeigen, was man alles mit Prothese machen kann", meint Rehm, der in Bergisch Gladbach wohnt. In seinem Heimatort Reichenbach haben sie ihm nach den Paralympics 2012 einen Empfang bereitet, Papierfahnen gebastelt und Reden gehalten. Jeder kennt ihn dort.

Rehm selbst ist nicht der Typ für große Worte und hochtrabende Gesten. Nach seinem Weltrekord von Manfort strahlt er über das ganze Gesicht, umarmt seine Trainerin Steffi Nerius und reckt beide Daumen in Richtung Publikum. 7,50 Meter zu springen, hatte er als langfristiges Ziel ausgegeben. Und jetzt, da er dies schon vor der WM erreicht hat? „Ich will ans Limit gehen. Nach Siebeneinhalb kommt – nein, das sage ich jetzt nicht", sagt Rehm – und grinst.

7,65 Meter könnten kommen, das war zuletzt die DM-Norm für die Nichtbehinderten. Doch zuerst nimmt Rehm in Lyon Anlauf auf den WM-Titel. Aufhalten wird ihn wohl niemand.

Quelle: Leverkusener Anzeiger     Text: Sebastian Fischer

 

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